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© 2016 by Ricky Burzlaff

Balkantour - Tag 5 - Ankunft im Kosovo

December 30, 2015

 

Heute, am 6. Tag unserer Balkan–Projektreise, sind wir in Fushë Kosova, unweit von Prishtina, der Hauptstadt vom Kosovo.

Mitgebracht haben wir Winterkleidung und Decken. Außerdem übergaben wir heute der ersten Familie das von Spenden finanzierte Brennholz, welches für den kalten Winter im Kosovo gedacht ist. Morgen folgen viele andere Familien. Außerdem führen unsere Vereinsmitglieder Rechtsberatung für aus Deutschland abgeschobene Roma durch.

Es wird morgen ein Gespräch mit unserem Partner vor Ort, Herrn Kushtrim Avdimetaj, welcher seit November für uns in Fushe Kosove arbeitet, geben. Wir wollen über Fortsetzung des Projektes in Fushe Kosove sprechen und in Kontakt mit aus Deutschland abgeschobenen Flüchtlingen, welche zu meist Roma sind treten. Heute jedoch gab es schon die erste Beratung durch Stephan, von der Initiative „Leipzig Korrektiv“, mit von Abschiebung betroffener, um zu klären, in wie weit die Abschiebungen aus Deutschland rechtens waren.

Bezüglich der schrecklichen Lage der Roma und der Ashkali in Fushë Kosova berichtet nun der Partner und Mitstreiter des „Verantwortung für Flüchtlinge e.V.“, Herr Max Brym. Er ist auch Mitglied der Redaktion von Kosova Aktuell und hat uns diesen Beitrag zur weiteren Veröffentlichung und Verbreitung zur Verfügung gestellt. Dieser Beitrag darf ausdrücklich von weiteren Pressevertretern verwendet werden!

Max Brym schreibt: "Die Bundesregierung schiebt massenhaft Menschen nach Kosova, Albanien, Montenegro und Mazedonien ab. Angeblich handelt es sich bei den genannten Staaten um „sichere Herkunftsländer“. Täglich fliegen Flugzeuge mit abgeschobenen Menschen von bundesdeutschen Flughäfen aus in die Region. Dolmetscher und Bundespolizisten begleiten die zwangsweise Abgeschoben. In Meinem Artikel geht es in erster Linie um die Lage der in Kosova lebenden Roma. Thematisiert wird insbesondere die schreckliche Lebenssituation von Roma und Ashkali in Kosova. Kurz muss allerdings auf die allgemeine soziale Katastrophe in Kosova hingewiesen werden . In Kosova müssen derzeit 18 % der Menschen in extremer Armut, mit weniger als einem Euro pro Tag ihr Leben gestalten. Der Euro ist in Kosova Landeswährung, bis auf Kaffee und Zigaretten lassen sich die Preise mit den Lebenshaltungskosten in Deutschland vergleichen. 36 % der Bevölkerung leben nach offiziellen Angaben von weniger als 2 Euro pro Tag. Die Jugendarbeitslosigkeit dürfte bei 80 % liegen. Es gibt in Kosova keinerlei Arbeitslosengeld sowie keinerlei kostenlose Gesundheitsversorgung. Das Leben in Armut, ein Leben ohne Strom, ein Leben ohne Wasser, ein Leben in Kälte, stellt eine Form von Folter dar. Abschiebungen nach Kosovo sind daher generell ein inhumaner grausamer Akt. Dies insbesondere weil deutsche Politik in Kosova maßgeblich zu dem sozialen Desaster beigetragen hat. Viele deutsche Experten und Berater leiteten und leiten in Kosova den neoliberalen Privatisierungsprozess an . Die Privatisierungen kosteten bis dato nach Gewerkschaftsangaben, knapp 77.000 Arbeitsplätze. Nun aber zur extrem schweren Lage der Roma und Ashkali in Fushë Kosova in der Nähe der Landeshauptstadt Prishtina

Lagebeschreibung

Knapp 12.000 Roma und Ashkali leben einst in Fushë Kosova. Während des Krieges wurde der Großteil ihrer Häuser zerstört. Heute hausen diese Menschen in einem speziellen Gebiet hinter dem einst wichtigen Bahnhof. Dort leben knapp 4500 Personen. Die Straßen in dem Viertel sind nicht asphaltiert. Die selbst zusammen gebauten Häuser besitzen in aller Regel keinen betonierten Fußboden. Es gibt in dem Viertel, keinen Anschluss an Strom und keine Kanalisation. Die Menschen leben in extremen Elend. Nach Angaben des Romasprechers Fehmi Gashi haben nur 1% der aus dem Gebiet stammenden Personen Arbeit. Nach Meinung des Sprechers ist es völlig sinnlos sich für eine freie Stelle oder eine halbwegs gut bezahlte Stelle als Roma zu bewerben. Die rassistische Diskriminierung der Roma und Ashkali ist an der Tagesordnung. Leben müssen die Menschen von 60 € pro Familie im Monat mit fünf Kindern. Eine Familie mit sieben Kindern erhält 75 € Sozialhilfe. Damit ist die nackte Existenz nicht gesichert. Ein Laib Brot kostet im Kosova mehr als in Deutschland. Der Preis für 1 l Milch lässt sich ziemlich genau mit dem Preisen in deutschen Supermärkten vergleichen. Der so genannte „Familienzuschlag“ gilt allerdings nur für Kinder bis zum fünften Lebensjahr. Etwas ironisch meinte der Romasprecher: „ Wir werden ja fast schon gezwungen immer wieder Kinder zu machen, um bei 60 oder 75 € im Monat zu verbleiben.“ Selbstverständlich wüten Krankheiten in dem Roma und Ashkali Viertel . Weit verbreitet sind Lungenerkrankungen und Krebs. Medikamente und Behandlungen sind für die erkrankten Menschen nicht finanzierbar. Besonders im Winter ist die Situation der Menschen dramatisch. Der Winter ist ohne Heizung, ohne Gasanschluss zu bewältigen in einem Gebiet in dem Winter oft kälter sind als in Deutschland.

Roma und Ashkali

Die Roma und Ashkali unterscheiden sich sprachlich. Bei den Roma ist die Muttersprache , die Sprache der Roma. Daneben sprechen sie natürlich noch albanisch. Ashkali hingegen sprechen auch privat und in den Familien albanisch. Die Tradition der Kultur der beiden Gruppen sind eng miteinander verwandt. Prinzipiell werden sie in Kosova nicht nur finanziell, sowie bei der Vergabe von Arbeitsplätzen rassistisch benachteiligt sondern es gibt häufig ungeahndete polizeiliche Übergriffe gegen Roma. Die Haupteinnahmequelle für viele Familien in Fushë Kosova sind ihre Kinder . Viele Frauen sind täglich mit ihren Kindern an wichtige Autokreuzungen in Prishtina. Dort springen die Kinder auf die Automobile, waschen die Autoscheiben in der Hoffnung dafür einige Cent zu erhalten. Dennoch besuchen rund 100 Roma- Kinder und knapp 700 Ashkali Kinder die örtliche Schule. Der Romasprecher verweist immer wieder darauf wie sehr die Anliegen der Roma und der Ashkali im Gemeindeparlament ignoriert werden. Sowohl die Roma- Partei PEBRK als auch die Ashkali Partei PDASHK haben im Stadtrat jeweils einen Sitz. Vom Prinzip her wird jeder ihrer Anträge von den dominierenden Parteien LDK und PDK, sowie dem LDK Bürgermeister ignoriert. Nur die „ Bewegung für Selbstbestimmung VV“ unterstützt die gerechten sozialen Forderungen von PEBRK und PDASHK. Vor Ort gibt es keine internationale NGO mehr, die versucht die Not der Roma und Ashkali zu mildern. Geradezu katastrophal wirkt sich jetzt, die so genannte Rückführung von Roma und Ashkali durch die Bundesregierung aus. Das Horrorwohngebiet in Fushë Kosova wird wieder größer. Auch die Situation der Roma im Nord Kosova ( serbisch dominiert) in Leposavic ist mit der Situation in Fushë Kosova vergleichbar. Es gilt in der Bundesrepublik Deutschland konkrete Solidarität mit allen sozial unterdrückten Menschen in Kosova zu entwickeln und gleichzeitig gegen jegliche Abschiebung Stellung zu beziehen. Insbesondere sollte die Bundesregierung an ihre historische Verantwortung bezüglich der Roma erinnert werden. Der Hitler- Faschismus führte neben dem Genozid an den Juden, einen Genozid an den Roma durch. Die Abschiebungen nach Kosova stellen einen reaktionären menschenfeindlichen Akt, insbesondere gegen Roma und Ashkali dar."

 

 

 

Tag 6 - 30.12.15

Heute morgen ging es nach dem Frühstück in den Kosovo. Gegen 13 Uhr waren wir in Prishtina und erreichten eine halbe Stunde später einen Imbiss in Fushe Kosove, der sich in der Nähe vom Romalager befand. Der Unterschied zu Prishtina war deutlich zu sehen. Müll lag überall herum, einige Häuser, wenn man sie überhaupt so nennen kann, waren total heruntergekommen und hatten keine Fensterscheiben mehr. Trotzdem schienen Familien dort zu leben, Wäsche hing aus den Fenstern. Obwohl ich in diesem Jahr schon einmal dort war, erschütterte mich der Anblick der Gegend erneut. Gegen 14 Uhr kamen wir bei Ergin's Zuhause an. Mit Ergin hatten wir Anfang diesen Jahres ein Interview geführt. 2010 wurde er in Kosovo abgeschoben und musste seine schwerkranke Mutter in Deutschland lassen. Seitdem haben Mitglieder unseres Vereins versucht, Ergin einen Familiennachzug wegen Härtefalls zu ermöglichen, jedoch vergeblich. Ich war sehr froh, Ergin wiederzusehen. Er und seine Frau Ardita hatten in diesem Sommer einen Sohn bekommen, Dennis. Wir parkten vor Ergins Zuhause. Als sein Kind auf die Welt kam, waren sie umgezogen - zum Glück. Ich kann mich noch gut an Ergins altes Heim erinnern: Das Haus war an einigen Wänden eingerissen und hatte keine Fensterscheiben mehr. Ergin führte uns in sein neues Zuhause. Das Haus war in einem besseren Zustand, es hat zwei Räume und ein Bad. Die Türen gehen nicht richtig zu, aber in einem kleinen Raum mit einem Ofen drin war es sehr warm. Dort begrüßte uns Ardita, die Dennis im Arm hielt. Sie sah viel besser aus als bei meinem letzten Besuch - dort wirkte sie noch sehr kränklich und war sehr blass. Wir setzten uns auf den Boden an den Ofen und tranken einen Tee. Ergin erzählte, dass sie nach der Geburt des Kindes umgezogen waren, da es für das Baby nicht möglich war, im vorherigen Haus zu leben. Das Kind wäre im kalten Winter erfroren. Es fand eine kleine Bescherung statt. Richard hatte für Ergin ein Paket gepackt - es gab eine große Decke, warme Kleidung und ein selbstgestricktes Kuscheltier für Dennis. Ergin sammelt momentan Flaschen, Eisen und Aluminium, um es für ein wenig Geld zu verkaufen. Das Geld ist immernoch knapp. Für die Miete von 40 € pro Monat kann er mit dem Verkauf gerade so aufkommen. Eine Wasserpumpe hat er vom Nachbarn geliehen bekommen, ansonsten hätte er keinen Zugang zu Wasser. Das Baby nimmt die Muttermilch nicht an, weswegen alle drei Tage eine Packung Milchpulver für 5 € gekauft werden muss. Und das läppert sich..
Wir machten uns los, um einen Händler zu finden, der hier Brennholz relativ günstig verkauft. In den letzten Monaten hatten wir viel Geld für Brennholz gesammelt. Wir haben ein Patenschaftsprojekt ins Leben gerufen: eine Person kann eine Familie in Fushe Kosove mit 95 € unterstützen, welches für Brennholz ausgegeben wird und für zwei bis drei Monate reicht. 14 Familien können wir nun mit Brennholz für den Winter versorgen. Die meisten Händler verkaufen einen Kubikmeter Holz für 45 €. Dies ist viel Geld im Kosovo. Bei diesem Zustand der Häuser bräuchten alle Familien jeden Tag im Winter Holz, dachte ich. Wir fanden gemeinsam mit Ergin einen Händler, der uns dreieinhalb Kubikmeter Holz für 120 € verkaufen würde. Der Händler lud das Holz bei uns ab und würde morgen noch einmal dreieinhalb Kubikmeter Holz für 115 € bringen. Die erste Familie, denen wir drei Kubikmeter Holz gebracht hatten, freuten sich sehr (Ergin's Familie hatten wir bereits im November das Geld für das Brennholz überwiesen). Die Familie wurde Ende November aus Deutschland abgeschoben, die Kinder waren total begeistert, mit uns deutsch sprechen zu können. Mit dem Vater der Familie führten einige von uns anschließend bei Ergin eine Rechtsberatung durch und nahmen seine Daten auf, um in Deutschland damit weiterzuarbeiten.
Wir verabschiedeten uns abends von Ergin und Ardita und trafen uns noch in einem Café in der Innenstadt mit einem Mitglied von Levizja Vetevendosje, der oppositionellen Bewegung im Kosovo. Er erzählte uns von dem Vorfall vor einem Monat, als die Polizei die Zentrale der Bewegung gestürmt und viele Aktivisten grundlos festgenommen hat. Die Polizei soll Dokumente mitgenommen und die Kameras sowie Videoaufzeichnungen innerhalb des Gebäudes zerstört haben. Ich selbst habe vor einem Monat in einem Handyvideo gesehen, wie dutzende Polizisten die Eingangshalle stürmten und war zu dem Zeitpunkt schon sehr erschüttert - ich stand im Februar selbst in dieser Eingangshalle. Dass so etwas passieren würde, hätte ich nicht erwartet.
Sehr müde war ich diesmal, als wir das Hotel erreichten. Morgen und übermorgen würden wir Holz für weitere zwölf Familien fahren und für diese Rechtsberatungen durchführen - es wird anstrengend. Aber wenn ich an die Familie heute denke, bin ich auch sehr motiviert.

Anne Hansch

 

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